bullet2  Das Post-Polio-Syndrom, die vergessene Behinderung

 

Primäreffekte und Spätfolgen der Poliomyelitis

Glücklicherweise erholt sich jemand, der Polio hatte, meist schrittweise, und eventuell sind nur wenige oder gar keine Reste einer früheren Lähmung vorhanden.

Für einige Betroffene sind aber zum Teil schwere Komplikationen zurückgeblieben. Diese betreffen meist das Muskel-Skelett-System, was eine Behinderung der Beweglichkeit und/oder Schwierigkeiten mit der Atmung zur Folge hat. Die Verwendung von Stützapparaten, Korsetts, Krücken, Rollstühlen und/oder respiratorischen Hilfsmitteln ist dann notwendig.
Es gibt wesentliche Unterschiede zwischen den Primäreffekten und den Spätfolgen nach Polio. Diese Unterscheidung ist sehr wichtig. Primäreffekte nach Polio schließen ein

Skelettdeformitäten, Gelenkkontrakturen und Behinderung der Beweglichkeit, die auf Muskelparesen (Schwäche) oder -lähmungen zurückzuführen sind

ungleiche Länge der Gliedmaßen

Osteoporose (=Knochenschwund), die auf Inaktivität beruht und Knochenbrüche zur Folge haben kann

Schmerzen, die aus Zug- und Scherkräften resultieren und ihre Ursache in der abnormalen Körpermechanik haben

Nervenreizungen als Ursache der extensiven Nutzung von Hilfsmitteln, Krücken oder Rollstühlen

Ödeme (Schwellungen) der unteren Extremitäten

Unfähigkeit, Kälte zu tolerieren, wegen mangelhafter Blutzirkulation

Verdrehungen der Därme, die eine Obstipation (Verstopfung) verursachen können

Schwierigkeiten mit der Atmung

Wer Polio gehabt hat, kann einige oder alle der genannten Symptome, auch in Kombination, aufweisen.
Spätfolgen nach Polio zeigen sich durch neue Symptome.

Sie treten nach einer Periode maximaler Wiederherstellung bei Personen auf, deren Kondition über einen ziemlich langen Zeitraum scheinbar stabil geblieben war. Man nimmt an, daß sie auf eine zweite, langsam fortschreitende Degenerationsphase zurückzuführen sind, die erst viele Jahre nach der ursprünglichen Infektion auftritt.

Die allgemeinen Symptome der Spätfolgen sind


überhöhte Müdigkeit, die oft nicht mit körperlichen Anstrengungen zu erklären ist

Verlust von Kraft und Ausdauer

Schmerzen in der Muskulatur und/oder den Gelenken

Probleme mit der Atmung, mit dem Schlucken und mit dem Sprechen

Diese Spätfolgen treten nur bei einigen Menschen, die früher Polio hatten, auf. Es ist möglich, daß manche nur Symptome aus einer der genannten Gruppen bekommen, aber es gibt auch Kombinationen.

Ursachen der Polio-Spätfolgen - immer noch nicht klar

Es ist bis heute nicht exakt klar, was die Spätfolgen nach Polio auslöst. Verschiedene Ursachen oder das Zusammenwirken mehrerer Umstände, könnten die Entwicklung der neuen Symptome begünstigen.

Spätfolgen sind schon über 100 Jahre bekannt

Über Spätfolgen nach Poliomyelitis wurde bereits 1875 in Frankreich berichtet. Auch in Deutschland, Österreich und den USA war diese Erscheinung um die Jahrhundertwende nicht unbekannt. Bedauerlicherweise ist dieses Wissen aber in Europa weitgehend in Vergessenheit geraten, obwohl noch 1984 in der ehem. DDR der Begriff in einer Publikation verwendet wird.

Das am häufigsten angenommene Konzept besagt, dass bei Polio-Spätfolgen der mangelhafte neuromuskuläre Komplex zu einer übermäßigen Abnutzung neigt, da weniger Nervenzellen vorhanden sind, weniger aktive Muskelfasern und eine ungenügende Zirkulation in den vom Polio-Virus beeinträchtigten Bezirken vorliegt. Übermäßiger Gebrauch der Post-Polio-Muskulatur und -Nerven scheint deren Niedergang zu beschleunigen. Dabei ist -übermäßiger Gebrauch- ein relativer Begriff. Abnutzung tritt schneller in unterversorgten Muskelregionen auf, da dort die Muskeln und Nerven wesentlich härtere Arbeit zu verrichten haben, um den Anforderungen des täglichen Lebens gerecht zu werden. Post-Polio-Muskeln benötigen eine wesentlich längere Phase zur Erholung als die normale Muskulatur.

Durch die akute Infektion mit dem Polio-Virus werden motorische Vorderhornzellen zerstört, wodurch die Information für die Muskelzellen verloren geht Die Folge sind Lähmungserscheinungen. Eine komplette oder partielle Wiederherstellung tritt ein, wenn erhalten gebliebene Nervenzellen neu aussprossen und die verwaisten Muskelfasern reinervieren können. Dadurch werden die motorischen Einheiten wesentlich vergrößert Eine Vorderhornzelle kann das bis zu 5fache der ursprünglich zugeordneten Muskel fasern versorgen. Bis zu 50 % der Motoneuronen eines Muskels können ohne Verlust an Kraft verloren gehen. Durch jahrzehntelange Überbelastung der "motorischen Einheit" (Netzwerk aus motorischer Vorderhornzelle, Nervenfaser und Muskelzelle) tritt eine frühzeitige Degeneration auf, die neue Lähmungserscheinungen nach sich zieht (Polio-Spätfolgen)

Manche Forscher meinen, dass die abnormalen Zug- und Scherkräfte, die mit den Resteffekten nach Polio zusammenhängen, die Symptome der Spätfolgen erklären könnten. Sie nehmen nicht an, dass es sich um neue Konditionen handelt, sondern dass sie die logische Folge der alten Symptome sind. Gegner dieser Meinung haben darauf hingewiesen, dass selbst Personen, die nur ganz leichte Beeinträchtigungen durch Polio hatten oder wo überhaupt keine Resteffekte aufgetreten sind, unter Spätfolgen leiden können.

Andere Forscher vertreten die Meinung, dass, verursacht durch die verminderte Zahl der Motoneuronen nach einer paralytischen Poliomyelitis, Anzeichen für Alterserscheinungen deutlicher werden bei Menschen, die früher eine Polio durchgemacht haben. Ein Argument gegen diese Meinung besteht darin, dass die Polio-Spätfolgen in jeder Altersstufe auftreten können und im allgemeinen vor dem 60. Lebensjahr, wo die Anzahl der Motoneuronen bei jedem Menschen ohnehin zurückgeht. Jedoch muss bei Leuten, die das 60. Lebensjahr überschritten haben, zumindest die Kombination beider Erscheinungen in Betracht gezogen werden.

Eine der frühesten Überlegungen war, ob die Polio-Infektion nicht zurückkehrt, d.h., dass das Polio-Virus reaktiviert wird. Diese Meinung ist verständlich, da einige der neuen Symptome den alten sehr ähnlich sind (Schmerzen, Schwäche und Atemschwierigkeiten). Tests, das Polio-Virus bei Personen mit den Spätfolgen nachzuweisen, sind aber negativ verlaufen, und es ist unwahrscheinlich, dass die Viren so lange Zeit im Nervensystem aktiv bleiben können. Es besteht also kein Grund zur Befürchtung, dass es sich um eine neue Polio-Infektion handelt. Die Spätfolgen nach Polio sind nicht ansteckend!

Es bestehen Gründe zu der Annahme, dass sich bei Menschen, die früher an Polio erkrankt waren, der Immunstatus verändert hat. Eine Autopsie-Studie (Entnahme von Gewebeproben) von Rückenmark bei Personen, die lange Zeit vor ihrem Tod Polio gehabt hatten, zeigte deutliche Anzeichen von Entzündungserscheinungen. Das war ein unerwarteter Befund. In einer anderen Untersuchung wurden solche entzündlichen Veränderungen auch in voll regenerierten sowie ursprünglich von der Polio verschonten Muskeln nachgewiesen. Andere Forscher konnten diese Befunde über immunologische und entzündliche Veränderungen bei ihren Untersuchungen aber nicht bestätigen, so dass noch viele Fragen in diesem Punkt offen bleiben.

Einige Betroffene mit Symptomen der Polio-Spätfolgen wurden fälschlicherweise von ihren Ärzten dahingehend informiert, dass sie an einer progressiven Motoneuron-Erkrankung, der amyotrophen Lateralsklerose (ALS) litten. Solch eine Diagnose ist verheerend und unverantwortlich, da ALS einen rapiden und fatalen Verlauf hat. Glücklicherweise gibt es einige Unterschiede zwischen diesen beiden Erkrankungen, wobei die wichtigste ist, dass die Polio-Spätfolgen relativ langsam und mild verlaufen, wenn es auch oft zu schwerwiegenden Atemproblemen kommen kann, und keine lebensbedrohliche Folgen haben. Die aktuelle wissenschaftliche Literatur nimmt jedenfalls eine klare Trennung zwischen den beiden Erkrankungen vor.

Das am häufigsten angenommene Konzept (Überbeanspruchungskonzept) besagt, dass bei Polio-Spätfolgen der mangelhafte neuromuskuläre Komplex zu einer übermäßigen Abnutzung neigt, da weniger Nervenzellen vorhanden sind, weniger aktive Muskelfasern und eine ungenügende Zirkulation in den Bezirken vorliegt, die vom Polio-Virus beeinträchtigt worden sind. Übermäßiger Gebrauch der Post-Polio-Muskulatur und -Nerven scheint deren Niedergang zu beschleunigen. Dabei ist -übermäßiger Gebrauch- freilich ein relativer Begriff. Abnutzung tritt sicher schneller in unterversorgten Muskelregionen auf, da dort die Muskeln und Nerven wesentlich härtere Arbeit zu verrichten haben, um den Anforderungen des täglichen Lebens gerecht zu werden. Bei den Post-Polio-Muskeln konnte nachgewiesen werden, dass sie eine wesentlich längere Phase zur Erholung benötigen als die normale Muskulatur.

Ermüdung durch Überanstrengung ist eine allgemeine Beschwerde und kann in allen Muskeln auftreten, sowohl im Rumpfbereich (einschließlich der Brustmuskulatur), von Rachen und Mund ebenso wie in den Armen und Beinen.

Beanspruchung / Überbeanspruchung -- Das Überbeanspruchungskonzept:
Biologische Systeme funktionieren auf verschiedenen Organisationsebenen.
Langzeitiges Funktionieren im Überbeanspruchungsbereich führt schließlich
zu einem krankhaften Zustand, den wir in unserem Fall als "Zweite Poliomyelitis" oder als "Post-Polio-Syndrom" kennen. Die rechtzeitige Erkennung von "Schwachstellen" nach durchgemachter Poliomyelitis erlaubt es dem aufmerksamen Arzt frühzeitig eine Prognose und eine Prävention: (Abbildung)