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Poliomyelitis anterior  

Poliomyelitis anterior

Was wurde vor 50 Jahren den angehenden Ärzten über die Poliomyelitis gelehrt ?*)

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genauer Poliomyelitis anterior acuta; deutsch: spinale oder epidemische Kinderlähmung, Heine-Medinsche Krankheit; engl.: Poliomyelitis acute anterior; franz.: Poliomye'lite anteneure aigue

Begriff: Die Poliomyelitis ist eine durch ein sehr kleines Virus hervorgerufene Infektionskrankheit, die bei voller Ausprägung die Vorderhörner des Rüchenmarks betrifft und dadurch zu schlaffen Lähmungen führt.

Zur Geschichte: Die erste klare Beschreibung der Krankheit stammt von dem Orthopäden Heine in Cannstatt bei Stuttgart vom Jahre 1840. Um die Erweiterungen des Krankheitses machten sich besonders Strümpell und die Schweden Medin und Wichman verdient. 1909 zeigten Landsteiner und Popper die Übertragung des Erregers auf Affen und stellten seine Virusnatur fest. Die Krankheit ist im 20. Jahrhundert zweifellos gehäufter aufgetreten als in früheren Zeiten.

Erreger und Übertragung: Der Erreger ist ein sehr kleines Virus, das teils kugel- oder eiförmig ist und einen Durchmesser von 15 bis 30 mμ hat, teils Fäden bildet. Es ist recht haltbar, in Wasser oder in Butter 3 Monate lang. Man unterscheidet 3 Stämme (Leon, Brunhilde Lansing). Immunität gegen den einen bewirkt keine solche gegen die anderen. Das hauptsächliche Laboratonumstier ist der Affe, aber auch Mäuse können als Versuchstiere benützt werden. Besonders wichtig ist die Möglichkeit, das Virus auf überlebendem Gewebe zu züchten, z.B. auf Nieren oder Hoden von Menschen oder Affen. Das Virus ist kurz vor und nach Ausbruch der Krankheit im Nasenrachenraum nachweisbar und kann so durch Tröpfchen und Staub übertragen werden. Wichtiger ist die Tatsache, daß der Erreger in den Fäzes vorhanden ist, und zwar von der Inkubationszeit ab bis einige Wochen nach Krankheitsbeginn. Daher überwiegt die Schmierinfektion; wie beim Typhus werden Nahrungsmittel aufgenommen, die durch Fäzes infiziert sind; auch Fliegen können eine Rolle spielen. Dabei kommen als Infektionsquelle weniger die mit Lähmungen erkrankten Menschen in Betracht als vielmehr die nur leicht und ohne Lähmungen Erkrankten und vor allem die große Zahl von gesunden Personen, die für einige Wochen Virusträger sind. Findet man doch in Epidemiezeiten bei 2 bis 11% Gesamtbevölkerung das Virus im Stuhl, bei den Familienmitgliedern Erkrankter bis zu 80%. Dagegen hat man noch keine Virus-Dauerausscheider festgestellt.

Das Virus vermehrt sich im Darm oder in Lymphknoten und gelangt dann ins Blut, wo es Initialstadium nachweisbar ist. Vom Blut aus befällt es das Zentralnervensystem.

Die Empfänglichkeit des Menschen gegenüber dem Poliomyelitis-Virus ist groß. Gücklicherweise führt aber nur ein kleiner Teil der Infektionen zu Lähmungen, die meisten Erkrankungen verlaufen abortiv, oder es kommt ohne Krankheitszeichen zur „stillen Feiung". Das läßt sich aus dem Verlauf der Epidemien schließen, die offensichtlich den größten Teil der Bevölkerung immunisieren und dann erst nach einer Reihe von Jahren wieder aufleben, wenn wieder genügend Nichtimmunisierte nachgewachsen sind. Weiterhin spricht auch die Tatsache, daß Kinder häufiger erkranken, dafür, daß Erwachsene durch Abortiverkrankungen oder „stille Feiung“ immunisiert sind. Höher zivilisierte Länder werden mehr betroffen, sei es, weil unter günstigen hygienischen Bedingungen die „stille Feiung“ leidet, sei es, weil durch größeren Reiseverkehr leichter neue Stämme eingeschleppt werden.

Äußere Schäden und Beanspruchungen führen zu einer erhöhten Erkrankungsdisposition. So ist ganz bekannt, daß vorausgehende Krankheiten, wie Grippe, Pneumonie, Masern, Enteritis, Impfungen, Tonsillektomien, Impetigo contagiosa, Sonnenbrand, weiter Gravidität, Verletzungen oder Überanstrengungen (Aufmärsche, Sport, Reisen) zu erhöhter Krankheitsbereitschaft und schwererem Verlauf disponieren und auch die Lokalisation beeinflussen (nach Tonsillektomie bulbäre Form, nach Impfung Lähmung im Gebiet der Impfstelle).

Die Poliomyelitis ist in der ganzen Welt verbreitet. In unserem Klima tritt sie fast nur im Sommer und Herbst auf. In jedem Jahr ist mit einer erheblichen Zahl von Erkrankungen zu rechnen. Die letzte große Epidemie von 1952 brachte im Bundesgebiet 9500 Fälle (zwei auf 10000 Einwohner, in Dänemark 14 auf 10 000.

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Klinik: Die I n k u b a t i o n s  z e i t von der Exposition bis zum Initialstadium dürfte 4 – 12 (3 - 35) Tage betragen. Man unterscheidet 1. eine abortive, 2. eine aparalytische und 3. eine paralytische Verlaufsform.
Wir beschreiben zuerst das volle Krankheitsbild der dritten Form. Meist geht der eigentlichen Poliomyelitis eine katarrhalische Erkrankung voraus, die mit l – 2 tägigem Fieber, Schnupfen, Angina, Pharyngitis, auch Erbrechen und Durchfall einhergeht. Es ist noch nicht sicher, ob diese Vorerkrankung schon ein Ausdruck der Poliomyelitis ist oder ob es sich um einen unspezifischen Infekt handelt, der der Poliomyelitis den Weg bereitet. Je nachdem man der einen oder der anderen Meinung ist, wird man von katarrhalischem Vorinfekt oder von Initialstadium sprechen.
Abb. 48. Poliomyelitis.

Nach einer fieberfreien Latenzzeit von 1 - 9 Tagen folgt nun das
präparalytische Stadium, Fieberanstieg, Kopf- und Gliederschmerzen, häufig wieder Pharyngitis, Angina oder Bronchitis, öfters Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung. Bald zeigen sich deutlichere meningitische Symptome mäßige Nackensteifigkeit, Kernigsches Zeichen; allgemeine Überempfindlichkeit, so daß die Kranken sich vor jeder Berührung und Untersuchung fürchten; Neigung zu starkem Schwitzen. Dann kommen adynamische Zeichen vor: allgemeine Muskelschwäche (noch ohne Lähmungen), Reflexabschwächungen. Ziehende Schmerzen werden manchmal besonders stark in denjenigen Gliedern verspürt, die später von den Lähmungen betroffen werden; wir sehen daraus, daß die Meningen in diesen Segmenten stärker gereizt sind. Öfters tritt eine Harnverhaltung für 1-2 Tage auf.

Der L i q u o r cerebrospinalis weist dem Meningismus entsprechende Entzündungserscheinungen auf. Von den drei Hauptsymptomen: Druckerhöhung, Zellvermehrung und Eiweißvermehrung sind immer eines oder zwei, oft auch alle drei vorhanden. Die Zellvermehrung liegt meist zwischen 50/3 und 500/3, selten höher. In den ersten zwei Tagen überwiegen die polymorphkernigen, später die Lymphozyten. Der Liquor ist klar oder leicht opaleszent. Das Eiweiß ist im Beginn nur mäßig vermehrt (30 bis 75 mg%). Im Verlauf der nächsten 2 Wochen nehmen die Zellen schnell ab, während das Eiweiß sich bis auf Werte um 100 mg% erhöht. Der Zuckergehalt des Liquors ist meistens normal, öfters auch etwas vermehrt, selten leicht vermindert.

Das präparalytische Stadium dauert unter mäßigem Fieber meist 2-5 Tage an. In den typischen Fällen folgt nun das Stadium der Lähmungen. Innerhalb weniger Stunden oder Tage verfallen fortschreitend Teile der quergestreiften Muskulatur in eine schlaffe Lähmung. Das Ausmaß der Lähmungen ist ganz verschieden; bald bleiben sie auf einen einzigen Muskel, etwa den M. deltoideus, beschränkt, bald werden mehrere Extremitäten oder der Rumpf befallen.

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Extremitäten oder der Rumpf befallen. Am häufigsten werden die Beine gelähmt; an Armen und Beinen sind die proximalen Muskeln stärker betroffen als die distalen. Während am Rumpf die Lähmungen oft symmetrisch auftreten, werden die Extremiiten gewöhnlich unsymmetrisch befallen.

Die häufigste Form der Lähmung ist die spinale. Die Lähmungen treten z.B. so auf:
Am ersten Tag des paralytischen Stadiums bemerkt der Kranke, wenn er morgens aufstehen will, daß sein linkes Bein nicht mehr gehorcht, der Quadriceps fällt aus. Im Lauf es Tages wird auch die Wadenmuskulatur gelähmt, am nächsten Morgen ist der rechte Quadriceps paretisch, am dritten Tag wird noch die Rückenmuskulatur befallen, so daß er Kranke nicht mehr sitzen kann. Damit kann dann der Endpunkt erreicht sein, neue Lähmungen treten nicht mehr ein.
Aber gar nicht selten werden auch die motorischen Zentren der Medulla oblongata und der Brücke und damit auch die Hirnnerven befallen; es kommt so zu einer Fazialislähmung oder zu einer Parese eines Augenmuskels mit Doppeltsehen. Diese bulbären und pontinen Formen zeigen, daß der Name „spinale Kinderlähmung“ überholt ist.
Die Allgemeinerscheinungen des präparalytischen Stadiurns: Fieber, meningitische Symptome, Überempfindlichkeit, ziehende Schmerzen, Harnretention, Schweißausbrüche reichen meist noch 2 - 3 Tage in das paralytische Stadium hinüber, verschwinden dann aber schnell. Sobald das Fortschreiten der Lähmungen aufhört, verlieren sich auch die Allgemeinerscheinungen. Die Kranken fühlen sich wieder wohl, und es bleibt vorläufig nur das traurige Bild der Lähmungen übrig. Die gelähmten Muskeln sind schlaff, die Sehnenreflexe fehlen im Gebiet der Lähmungen; hebt man ein gelähmtes Glied hoch, so fällt es wie tot zurück. Wo die Lähmungen bleiben, wird der Muskel atrophisch, die elektrische Untersuchung zeigt die bekannte Entartungsreaktion.
Besonders gefährlich wird die Poliomyelitis, wenn die Atemmuskulatur betroffen wird. Gewöhnlich geschieht dies unter dem Bild der sogenannten Landry'schen Paralyse, d.h. einer aufsteigenden Lähmung, die an den Beinen beginnt, schnell in 1 - 2 Tagen auf den Rumpf und die Arme übergeht und schließlich die motorischen Zentren der Atemmuskulatur im Zervikal- und Dorsalmark ergreift. Meist wird das Zwerchfell mit den Interkostalmuskeln zugleich gelähmt. Es ist entsetzlich, wenn man zusehen muß, wie der Kranke bei vollem Bewußtsein erstickt. Neben den Lähmungen der Atemmuskeln beobachtet man auch die noch gefährlichere direkte Schädigung des Atemzentrums in der Medulla oblongata; sie ist mit unregelmäßiger Atmung, Schluckbeschwerden, Schwäche der Stimme und oft mit Vasomotorenlähmung verbunden.
Glücklicherweise zeigt das zunächst furchtbare Bild der Lähmungen nichts Endgültiges. Die Lähmungen beginnen schon wenige Tage nach ihrem Eintritt wieder zurückzugehen. Die Rückbildung schreitet von Woche zu Woche weiter; noch nach einigen Monaten können sich die Muskeln erholen. Fast nie bleiben alle Lähmungen zurück, die im Beginn ausgebildet waren. Aber der Rückgang ist ganz unberechenbar. Der eine Kranke, der fast am ganzen Körper gelähmt war, hat das Glück, daß er völlig wiederhergestellt wird oder daß allenfalls nur ein einziger Muskel, z.B. ein M. deltoideus, gelähmt bleibt. Dem anderen Kranken, bei dem etwa nur beide Beine betroffen waren, ist es Schicksal, daß sich fast nichts zurückbildet und er zeitlebens nicht mehr gehen kann. Im allgemeinen darf man die Hoffnung auf Rückbildung bis zum Ablauf eines Jahres nicht verlieren; dann aber ist kaum mehr eine Besserung zu erwarten, nach 1 1/2 Jahren mit Sicherheit keine mehr. Schwere Verkrüppelungen können dann zurückbleiben:
Spitzfuß, Klumpfuß, Schlottergelenke, Lordosen, Verkürzungen der nicht mehr wachsenden Glieder usw. - Wie bei allen Infektionskrankheiten findet man im akuten Stadium häufig Veränderungen im Elektrokardiogramm im Sinn einer Myokarditis. Klinisch spielt diese kaum eine Rolle, auch kommt es nicht zu Restschäden.

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Dem traurigen Bild der paralytischen Form gegenüber ist es ein Trost zu wissen, daß die leichten Formen viel häufiger sind. Von abortiver Form spricht man, wenn nur die S.186 oben beschriebenen geringen Erscheinungen auftreten, die man als katarrhalischen Vorinfekt oder Initialstadium bezeichnet. Man kann nur in einer Epidemie vermuten, daß solche ,,Sommerkatarrhe" ein Ausdruck einer Poliomyelitis sein könnten, zu beweisen ist dies nicht, wenn man nicht den Erreger züchtet oder die Antikörperentwitklung mißt, was für die Praxis nicht in Betracht kommt.

Als aparalytische Form bezeichnet man die Fälle, in denen die Poliomyelitis weiter-schreitet bis zu dem präparalytischen Stadium, mit Meningitis und Adynamie, aber das Stadium der Lähmungen ausbleibt. Die Symptome verschwinden nach wenigen Tagen, nur der Liquor kann noch für 2-3 Wochen eine leichte Zell- und eine starke Eiweißvermehrung zeigen. Es bleiben keinerlei Folgen zurück.
schließlich kann man noch von einer asyniptomatisehen Form der Poliomyelitis sprechen. Es treten überhaupt keine Krankheitszeichen auf; die betroffenen Personen scheiden aber das Virus mit den Fäzes aus und entwickeln Antikörper („stille Feiung“).
Die leichten Formen führen in gleicher Weise wie die paralytische zu langdauernder Immunität, die aber wahrscheinlich nur denjenigen von den 3 Virusstämmen betrifft, mit dem der Patient infiziert war. Die seltenen Zweiterkrankungen dürften auf eine Infektion mit einem der beiden anderen Stämme zurückzuführen sein.
Pathologische Anatomie: Als anatomisches Substrat für die Lähmungen sieht man oft sdion makroskopisch eine Hyperämie und Blutungen in der grauen Substanz der Vorderhörner des Rückenmarks, histologisch findet sich eine Rundzellen-(Lymphozyten-) anhäufung um die Gefäße. Die Affinität des Virus zu den Ganglienzellen führt zu deren teilweisem Untergang. Die geschädigten Nervenzellen werden von Wanderzellen aufgefressen, die Lücken von Rundzellen ausgefüllt (Neuronophagie). Rundzelleninfiltrate finden sich auch in anderen Teilen des Zentralnervensystems: in den Hinterhörnern, Clarkschen Säulen und der weißen Substanz; im Beginn ist das ganze Rückenmark ödematös angeschwollen, die Pia ist entzündlich infiltriert.
Die Diagnose kann im präparalytischen Stadium nur mit Wahrscheinlichkeit gestellt werden. Jede fieberhafte Erkrankung, die mit Meningismus oder Meningitis einhergeht, ist verdächtig. Der Verdacht ist in den Sommer- und Herbstmonaten mehr begründet, noch mehr dann, wenn andere Poliomyelitisfälle in der Gegend vorgekommen sind. Bezeichnend für Poliomyelitis ist der klare Liquor, der meistens unter hohem Druck steht und fast immer Zell- und Eiweißvermehrung aufweist. Epidemische und eitrige Meningitis sind durch den getrübten Liquor und den Bakterienbefund auszuschließen, auch zeigen sie eine erhöhte Blutsenkung, während diese bei der Poliomyelitis in der Regel normal bleibt. Die tuberkulöse Meningitis unterscheidet sich durch das Spinnwebgerinnsel, das sich im Liquor bildet und das bei Poliomyelitis kaum je vorkommt, durch die Verminderung des Liquorzuckers, den Bazillenbefund und schließlidi durch den Verlauf. Schwer zu unterscheiden ist die beginnende Poliomyelitis von dem Meningismus, der viele Infektionskrankheiten, wie Pneumonie oder Grippe, begleitet und der auch eine leichte Zellvermehrung hervorruft; meist ist hier aber die andere Infektionskrankheit stark ausgeprägt. Überhaupt nicht zu unterscheiden ist das präparalytische Stadium der Poliomyelitis von der Virusmeningitis (serösen, lymphozytären Meningitis). Verlauf und Liquorbefund können sich völlig gleichen.
Sobald sich Lähmungen einstellen, ist die Diagnose meist klar. Nur die Unterscheidung von einer Polyneuritis kann schwierig bleiben: im Beginn spricht stärkere Zellvermehrung mit geringer Eiweißvermehrung mehr für Poliomyelitis, während die Polyneuritis eine stärkere Eiweißvermehrung bei fehlender oder geringer Zellvermehrung hervorruft.

Sensibilitätsstörungen sind bei der Poliomyelitis nur flüchtig, bei der Polyneuritis von längerer Dauer, vorausgehende Diphtherie spricht natürlich für Polyneuritis. - Die Zell- und besonders die Eiweißvermehrung des Liquors hält bei der Poliomyelitis wie gesagt oft mehrere Wochen an, obgleich dann schon alle klinischen Symptome einer Meningitis verschwunden sind. In besonders eingerichteten Instituten kann das Virus aus dem Stuhl oder im Beginn aus Rachenspülwasser (nicht aus dem Liquor) gezüchtet werden. Ebenso können mit dem Serum Komplementbindungs- und Neutralisationsreaktionen angestellt werden. Diese Methoden kommen aber vorläufig mehr für wissenschaftliche Untersuchungen als für die Praxis in Betracht.

Prognose: Hat man die Diagnose schon im präparalytischen Stadium gestellt, so steht man angstvoll vor der Frage: werden Lähmungen eintreten? Weder aus den Prodromalerscheinungen noch aus dem Liquorbefund läßt sich das voraussagen. Nur so viel ist sicher: die Wahrscheinlichkeit für einen aparalytischen Verlauf mit restloser Ausheilung in wenigen Tagen ist bedeutend größer als die für ein paralytisches Stadium.
Bei den ersten Lähmungen stehen wir erneut vor der Frage: werden sie weiterschreiten? Im Einzelfall ist keine Wahrscheinlichkeit zu berechnen; man kann nur über jede Stunde froh sein, die keine neuen Lähmungen gebracht hat; denn der Stillstand ist ja bald zu erwarten. Oft ist er schon nach zwei Tagen erreicht; länger als drei Tage schreiten die Lähmungen nur selten fort.
Ist der Stillstand erreicht, wird weiter die Frage aufgeworfen: was wird sich wieder zurückbilden? Auch das läßt sich im einzelnen Fall nicht voraussagen. Immerhin haben natürlich die Kranken mit geringerer Ausdehnung der Lähmungen bessere Aussichten. Statistiken geben Totalheilungen zwischen 14 und 60% an. Etwa 2% bleiben völlige Krüppel.

Letalität betrug in Deutschland in den letzten Jahren 80%. Erwachsene sind in bezug auf Letalität und bleibende Schäden schlechter gestellt als Kinder. Schwangere Frauen erkranken häufiger; wie alle Infektionskrankheiten führt die Poliomyelitis dann oft zum Abort. Wenn dies nicht eintritt, wird der Fötus jedoch nicht geschädigt.

Behandlung: Im präparalytischen wie im Beginn des paralytischen Stadiums ist körperliche und seelische Ruhigstellung wichtig. Man sorgt für bequeme Lagerung (oft wird ein Kissen im Kreuz, das die Wirbelsäule entspannt, angenehm empfunden) und vermeidet alle körperlichen Erschütterungen. Daher sind Transporte sehr vorsichtig und möglichst nicht auf große Entfernungen durchzuführen. Unnötige und brüske Untersuchungen haben zu unterbleiben. Schmerzen und Aufregungen jeder Art müssen vermieden werden (insbesondere bei Kindern keine unnötigen Einspritzungen!). Die Ruhigstellung kann durch Gaben von Barbituraten in kleineren oder größeren Mengen unterstützt werden, auch ein Dauerschlaf (s. Bd. 2, Schlußkapitel) kommt für einige Tage in Betracht, sofern nicht Atemlähmung droht. Falls Schmerzen bestehen, werden sie mit antineuralgischen Mitteln, wie Pyramidon oder Gelonida antineuralgica, bekämpft.
Eine spezifische Behandlung gibt es leider nicht. Weder von irgendwelchen ,,desinfizierenden" Mitteln wie Urotropin, noch von Antibiotika, noch von Rekonvaleszentenserum oder Gammaglobulin ist irgendein Erfolg zu erwarten.
Bei Harnretentionen muß, wenn nötig, katheterisiert werden, bis die Blase wieder funktioniert. Dem Stuhlgang wird bei Bedarf mit Einläufen nachgeholfen.

Der furchtbaren Lähmung der Atemmuskulatur wird künstliche Beatmung entgegengewirkt. Es gibt dafür eine Reihe von Apparaten. Für die reine Lähmung der Atemmuskeln (spinale Form) ist die eiserne Lunge geeignet, für die Bulbärparalyse mit Schlucklähmung und Verstopfung der Atemwege durch Sekret dagegen die intratracheale Überdruckatmung (s. a. Kapitel Krankheiten der Atmungsorgane, Einleitung). Die leichteren Formen der bulbären Lähmung können auch schon dadurch beherrscht werden, daß man durch Tieflagerung des Kopfes für Ablaufen des Bronchialsekretes nach außen sorgt.

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Sobald die wenigen Tage des akut fieberhaften Stadiums überstanden sind, ist darauf zu achten, daß durch entsprechende Lagerungen Kontrakturen vermieden werden; namentlich die Spitzfußstellung ist durch ein Fußbrett, Sandsäcke oder Schienen zu verhindern. Nach etwa 8 Tagen beginnt man vorsichtig mit passiven Bewegungen, nach 3 - 4 Wochen mit Massage, elektrischer Behandlung, Unterwassermassage und aktiven Übungen (auch im Bad); diese Maßnahmen sind dann monatelang mit größter Geduld und Folgerichtigkeit durchzuführen und können noch vieles retten. Vor allem werden so die besonders schädlichen Kontrakturen vermieden. Die übrigbleibenden Schäden sind durch rechtzeitige orthopädische Behandlung mit Sehnentransplantationen, Stütz-. apparaten usw. nach Möglichkeit auszugleichen.

Prophylaxe: Die Kranken werden in den meisten Staaten 1 - 3 Wochen isoliert, in der Bundesrepublik verlangen manche Gesundheitsämter noch längere Isolierung. Mit der Isolierung der manifest Kranken verstopfen wir aber nur einen minimalen Teil der Infektionsquellen, da die nicht erkannten abortiv Kranken und die gesunden Virusträger viel häufiger und gefährlicher und nicht zu erfassen sind. Die Abgänge der Kranken sind mit Chlorkalk zu desinfizieren. Händedesinfektion mit den üblichen Mitteln ist wahrscheinlich wertlos, daher ist es besser., die Hände mit Seife unter fließendem warmem Wasser zu waschen.

Der Panikstimmung in Epidemiezeiten wird oft durch Schließung von Schulen nachgegeben; sie hat erfahrungsgemäß wenig Erfolg. Wichtig ist, besonders bei Kindern., größere körperliche Anstrengungen, Reisen, Besuch von Versammlungen und Badeanstalten, Impfungen, Tonsillektomien, Zahnextraktionen zu meiden. Weiter bekämpfe man die Fliegen mit DDT und sei mit Genuß roher Speisen, wie roher Milch, Obst oder Salaten, vorsichtig und achte auf sorgfältiges Händewaschen vor dem Essen und nach der Stuhlentleerung. Von Desinfektionsmaßnahmen an der Nasen- und Mundschleimhaut ist nichts zu erwarten.
Auf die aktive Schutzimpfung mit der Salk'schen Vakzine setzen wir große Hoffnung. Die Ergebnisse sind aber noch nicht endgültig ausgewertet. Der Impfstoff wird aus Viren von allen 3 Stämmen hergestellt, die aus Affennieren-Zellkulturen gewonnen und mit Formalin inaktiviert werden. Damit dürfte auch das Gammaglobulin überholt sein, das nur einen gewissen Schutz von der 2. - 5. Woche nach der Injektion gewährt. Vielleicht wird sich auch der neue Sabin'sche Schutzstoff bewähren, der aus abgeschwächtem, per os einzunehmendem Virus besteht.



*) Quelle: Lehrbuch der Inneren Medizin (Hrsg. Helmut Denning), Erster Band, Seiten 185 bis 190

Georg Thieme Verlag Stuttgart 1957